Ergotherapie im Detail

Gerade auch bei Menschen im Wachkoma ist Ergotherapie ein zentraler Baustein in dem Prozess, mit den verbliebenen Fähigkeiten ein so weit wie möglich selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Hier werden die Ziele und Methoden der Ergotherapie vorgestellt.

Was ist Ergotherapie?

Jedem kann es passieren: ein Unfall, eine schwere Erkrankung und plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war.

Durch motorische, kognitive sowie psychische Veränderungen oder Einschränkungen muss sich der betroffene Mensch selbst und auch die Angehörigen damit auseinander setzen, dass alltägliche Aufgaben (zum Beispiel Waschen, Anziehen, Haushaltsverrichtungen) und berufliche Tätigkeiten oder Herausforderungen nicht mehr selbstverständlich ausgeführt werden können.

Hier beginnt das ergotherapeutische Aufgabengebiet.


Gemeinsam mit dem behandelnden und verordnendem Arzt sowie idealerweise mit dem betroffenen Menschen und den Angehörigen erheben Ergotherapeuten gezielt Befunde der vorhandenen Einschränkungen, stimmen Ziele ab und planen darüber hinaus den weiteren Ablauf der ergotherapeutischen Behandlungen.

Was die Ergotherapie von vielen anderen Therapieformen unterscheidet ist, dass sie den Menschen als Ganzes sieht und ihn nicht nur körperlich anspricht, sondern auch seelisch und geistig.

 

Ergotherapie bei Menschen im Wachkoma


Die ergotherapeutischen Behandlungen in diesem Bereich setzen ein hohes Maß an Kompetenz, Verantwortungsbewusstsein und Sensibilität seitens des Therapeuten voraus. Der betroffene Mensch selbst braucht in jeder einzelnen Reha-Phase eine individuell auf ihn abgestimmte und angepasste Therapie. Aus diesem Grund ist eine ständige erneute Befundaufnahme, Behandlungsplanung und Verlaufsdokumentation unerlässlich. Außerdem sollten regelmäßige Teambesprechungen (idealer weise mit den behandelnden Ärzten, dem Pflegepersonal sowie allen mitbehandelnden Therapeuten) stattfinden, um gemeinsame Ziele zu formulieren, Veränderungen im Behandlungsverlauf festzustellen und gemeinsam mit dem Patienten sowie seinen Angehörigen in dieselbe Richtung zu arbeiten.

Die jeweiligen Angehörigen sind ein wichtiges Bindeglied zwischen dem Patienten und den Therapeuten. Sie können über Vorlieben und Abneigungen Auskunft geben, benötigen in dieser besonderen Situation jedoch Aufklärung und Hinweise zum Umgang mit dem Erkrankten.

In Abhängigkeit zum individuellen Krankheitsbild jedes Einzelnen können im Verlauf des Wachkomas unter anderem folgende Probleme auftreten:

 

  • starke Spastiken
  • Störung der taktil-kinesthetischen Wahrnehmung
  • Kontrakturen
  • Motorische Unruhe
  • Fehlende Kopfkontrolle
  • Rumpfinstabilität
  • Mangelndes Fixieren
  • Dysphagien (Schluckstörungen)
  • Beißreflex
  • Orale Schablonen (Zähne knirschen, schmatzen, saugen)
  • Versorgung mit unterschiedlichsten Trachealkanülen.


Ich möchte im Folgenden die ergotherapeutischen Behandlungsschwerpunkte anhand der verschiedenen Reha-Phasen näher erläutern. Aufgrund der Komplexität können die einzelnen Punkte nur Beispiele darstellen.

 

Phase A: Akutbehandlung

 

In dieser Phase hat die medizinische Versorgung oberste Priorität. In Absprache mit den behandelnden Ärzten und in Abhängigkeit zu der Belastbarkeit des betroffenen Menschen können evt. leichte Lagerungen im Bett oder basale Stimulation durchgeführt werden.

 

Phase B und C: Frührehabilitation / weiterführende Rehabilitation


In diesen Phasen finden, je nach Weiterbildung des behandelnden Ergotherapeuten, unterschiedlichste Behandlungskonzepte ihre Anwendung (z. Bsp. nach Affolter, Bobath, Feldenkrais, Facio-orale-Trakt-Therapie, basale Stimulation). Sämtliche Therapieinhalte werden sehr ruhig und langsam durchgeführt, um schrittweise die Belastbarkeit zu steigern, dem Patienten Zeit zu geben, sich an die veränderten Positionen zu gewöhnen und evt. im Rahmen seiner Möglichkeiten Reaktionen zu zeigen. Außerdem ist es wichtig, auf Überforderungszeichen und Angst seitens des Patienten zu achten (Anzeichen können u. a. sein: vegetative Symptome wie Schwitzen, schnelle Atmung, psychomotorische Unruhe, Aggressionen, Erhöhung des Muskeltonus).

Einen kurzen Überblick und Beispiele über mögliche Behandlungsinhalte liste ich nachfolgend auf (ob und bei welchen Patienten diese ihre Anwendung finden, ist abhängig von den individuellen Symptomen):

 

  • Lagerungen zum Beispiel nach dem Bobath-Konzept (auf der Seite, auf dem Rücken, auf dem Bauch, im Sitzen, auf dem Fußboden). Sie dienen u. a. der Kontraktur- und Decubitusprophylaxe, der Förderung der Wahrnehmung und des Körperbewusstseins, der Senkung des Muskeltonus oder zur Tonusregulation.
  • Bettmobilisationen dienen ebenfalls der Regulation des Muskeltonus, dem Erhalt der Beweglichkeit und der Verhinderung von Kontrakturen. Sie finden häufig als Vorbereitung für weiterführende Aktivitäten statt.
  • Bei psychomotorischer Unruhe des Patienten sollten Begrenzungen angeboten werden (der Patient bekommt durch feste Lagerungsmaterialien oder durch den Körper des Therapeuten Spürinformationen über seinen eigenen Körper).
  • Transfers an die Bettkante, in den Rollstuhl oder festen Stuhl bis hin in den Stand finden u. a. zur Anregung der Wachheit statt. Diese Positionen sind häufig Ausgangspunkt für weiterführende Aktivitäten, wie z. Bsp. geführte Alltagsaktivitäten nach dem Affolter-Konzept. Dabei führt der Therapeut führt die Hände des Patienten, z. Bsp. zum Gesicht und Hände Waschen, zum Eincremen, zum Rasieren etc. Zur Körperpflege sollten möglichst die gewohnten Pflegeutensilien des Patienten benutzt werden.
  • Facio-orale-Trakt-Therapie (FOTT) wird von Ergotherapeuten mit entsprechender Zusatzausbildung oder von Logopäden durchgeführt. Sie dient der Sensibilitätsanregung im Gesicht und im Mund so wie der Anregung oder Verbesserung des Schluckaktes.
  • Der Kommunikationsaufbau spielt eine wichtige Rolle im Rehabilitationsprozess. Zu Beginn der Behandlung wird versucht, einen individuellen Code mit dem Patienten zu vereinbaren (z. Bsp. Augen schließen bei „JA“, Hand drücken bei „NEIN“). Dieser Code muss immer wieder mit dem Patienten ausprobiert werden; man beachte die evt. verlängerte Reaktionszeit. Des Weiteren spielen auch externe Kommunikationsmittel eine große Rolle (diese reichen von einfachen Bild- und Buchstabentafeln bis hin zu elektronischen Geräten, die mittels Lidschlag aktiviert werden können.
  • Einen weiteren Schwerpunkt bildet unter Umständen die adäquate Rollstuhlversorgung. Gemeinsam mit einem Orthopädiemechaniker sollte eine individuelle Anpassung erfolgen (die Angebote reichen von einem Multifunktionsrollstuhl, welcher maximale Unterstützung bietet bis hin zum Aktivrollstuhl, den der Patient evt. selbständig bewegen kann).


Phase D und E: Medizinische Rehabilitation / nachgehende Rehabilitation

Neben allen Therapiemaßnahmen, die in der Phase B und C bereits angesprochen wurden und die auch in diesen Phasen ebenfalls ihre Anwendung finden (in Abhängigkeit von den noch vorhandenen Einschränkungen) kann als neuer Schwerpunkt unter Umständen das Hirnleistungstraining dazu kommen.

Behandelt werden zum Beispiel Aufmerksamkeitsstörungen, Gedächtnisdefizite, räumliche Leistungsstörungen so wie Einschränkungen im Bereich der sozialen Kompetenzen (je nach Schwere der Störungen zur Verbesserung der Eigenständigkeit im Alltag bis hin zu komplexen Hirnleistungsanforderungen, die beruflich an den Patienten gestellt werden).

Im Rahmen der häuslichen Wiedereingliederung stehen jetzt Hilfsmittelberatung und –anpassung, Beratung bei erforderlichen Umbaumaßnahmen und die Schulung der Angehörigen im Vordergrund.

 

Phase F: Aktivierende Rehabilitation

Im Unterschied zu den vorhergehenden Phasen finden die ergotherapeutischen Behandlungen nun im eigenen häuslichen Umfeld oder in pflegenden Einrichtungen statt.

Die Schwerpunkte werden vom behandelnden Ergotherapeuten in Abhängigkeit zu den individuellen Einschränkungen festgesetzt. Lagerungen, Mobilisationen, Transfer und alle bisherigen Inhalte werden weiterhin durchgeführt, müssen jedoch nun an das persönliche Umfeld angepasst werden, was eine große Flexibilität und Ideenreichtum des Therapeuten voraussetzt. Hinzu kommt, dass im Gegensatz zur stationären Therapie oftmals eine geringere Therapiefrequenz pro Woche stattfinden kann.

Der klare Vorteil der Behandlungen in dieser Phase liegt darin, dass alle nicht vorhersehbaren auftretenden Probleme direkt mit den Angehörigen oder dem Pflegepersonal besprochen, angepasst und im wohnlichen Umfeld ausprobiert werden können. Ein guter Ergotherapeut sollte für diese Schwierigkeiten immer ein offenes Ohr haben und versuchen, für den Patienten als auch für die Pflegenden eine geeignete Lösung zu finden, um den Alltag so erleichternd wie möglich gestalten zu können (Probleme können unter anderem bei den Lagerungen oder bei den Transfers auftreten).

Da die ambulanten Behandlungen durch den Arzt verordnet werden, gehören regelmäßige Berichte über den Behandlungsstand, die Inhalte sowie die weiteren Zielsetzungen ebenfalls zu den Aufgaben.

 

Phase G: Betreutes und begleitendes Wohnen

In dieser Phase wird gemeinsam mit dem betroffenen Menschen daran gearbeitet, ein möglichst eigenständiges und selbst bestimmtes Leben zu führen. Die Schwerpunkte der Ergotherapie liegen auf dem Selbsthilfebereich (vom Wasch- und Anziehtraining über Nahrungszubereitung bis hin zur Integration ins soziale Umfeld). Aufgezeigt werden Möglichkeiten zum Einkaufen, zur Freizeitgestaltung etc.
Ziele

Ebenso unterschiedlich und individuell, wie sich die auftretenden Einschränkungen bei den Menschen im Wachkoma darstellen und zu unterschiedlichen Behandlungsinhalten führen, gestalten sich die Zielsetzungen.

Die Auflistung der folgenden Punkte bietet einen kurzen Überblick über mögliche Behandlungsziele, die durch die im Text genannten unterschiedlichen Maßnahmen und verschiedenen Behandlungskonzepten erreicht werden sollen:

  • Wiedererlangung der (Eigen-) Wahrnehmung
  • Wiedererlangung der größtmöglichen Mobilität
  • Kontrakturprophylaxe
  • Kommunikationsaufbau
  • Wiedererlangung der größtmöglichen Selbständigkeit im Alltag und evt. im Beruf
  • Führung eines selbst bestimmten Lebens
  • Optimale Versorgung mit Hilfsmitteln („So wenig wie möglich, so viel wie nötig“)
  • Beratung der Angehörigen und des Pflegepersonals


Im Laufe der Behandlungen können die Schwerpunkte variieren. Sie müssen in regelmäßigen Abständen neu überdacht und angepasst werden. Idealerweise sollten diese gemeinsam mit dem Patienten, falls dies aufgrund mangelnder Kommunikation nicht möglich ist, mit den Angehörigen oder dem Pflegepersonal festgelegt werden.

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